Dank einem kräftigen mone-tären Rückenwind und dank sich aufhellender Konjunktur-perspektiven legten die europäi-schen Aktienmärkte bis im Mai des Jahres zweistellig zu. Grie-chenland war zwar in den Köp-fen präsent, aber kein Thema mehr, das den Markt irritierte. Erst Ende Mai gingen die Bör-sianer ernsthaft über die Bücher und begannen, sich vertieft mit der drohenden Staats-pleite Griechenlands zu beschäftigen….
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Martin Neff, Chefökonom Raiffeisen
Plötzlich war die Euphorie verflossen und es setzten heftige Korrekturen der Aktiennotierungen ein. Nachdem es lange danach ausgesehen hatte, dass die Märkte Griechenland bereits abgeschrieben haben, bekamen die Börsianer plötzlich doch kalte Füsse. Und schon schwebte der “Grexit” nicht mehr nur wie ein Damoklesschwert über den Märkten, sondern er nahm konkretere Gestalt an. Vor allem aber rückte er gefährlich nah. Die Griechen – so schien es – wollten es tatsächlich darauf ankommen lassen und die ehemals Troika genannte Gläubigergemeinschaft vernein-te nicht mehr kategorisch, dass Griechenland den ge-meinsamen Währungsraum verlassen könnte. Der unter-schwellige Konflikt wurde plötzlich offen und mit allen Mitteln der Diplomatie und des Lobbyismus ausgetragen. Das machte die Märkte recht nervös und die Angst ge-wann wieder überhand, dass Griechenland dem Druck der Geldgeber nicht nachgeben würde, und die griechi-sche Regierung seinem Volk deren Auflagen auch nicht auferlegen würde. Dies allein schon deshalb, weil es mit dem Euro viel schwerer fällt und länger dauert, bis das Land auch nur wieder ein bisschen wachsen kann, als wenn es die Möglichkeit hätte, mittels kompetitiver Ab-wertung wieder ein Stück Wettbewerbsfähigkeit zu er-langen. Etliche Finanzmarktteilnehmer konnten sich zu-letzt sogar mit dem Gedanken anfreunden, dass die Währungsunion mit dem Ausscheiden Griechenlands an Stabilität gewinnen könnte. Griechenland als das (teure) Bauernopfer für einen Neuanfang der Währungsunion?
Morgen nicht heute
Beim Flirt mit dem grossen Showdown einer griechischen Staatspleite gerieten die Märkte zuletzt aber zusehends aus den Bahnen. Die Turbulenzen gingen an die Nerven und so begab man sich Ende letzter Woche in die Wohl-fühloase der europäischen Zauderer zurück und gibt sich mit deren Art der Politik wieder zufrieden: Besser keine Schritte, als unangenehme, lieber Durchschnitt als Spitze, besser morgen nicht heute. Nachdem der ultimative Gipfel der Finanzminister ergebnislos verstrichen war, wäre letzten Freitag wahrscheinlich schon das Licht aus-gegangen in Griechenland. Nun aber läuft wieder alles auf das altbekannte Spiel hinaus. Neue Ultimaten, Fris-tenverlängerung. Überbrückungskredite und vor allem die unangenehmen Entscheidungen vertagen und wenn möglich nicht selbst fällen. Die Finanzminister der Wäh-rungsunion, die sogenannte Eurogruppe, schieben den Ball den Regierungschefs zu. Diese haben eigentlich nichts gemacht, ausser festgestellt, dass noch etwas Zeit sei und den Ball daher an die Eurogruppe, die heute Abend wieder mal über den Athener Reformplänen brü-tet, zurückgespielt. Die EZB – oder besser Mario Draghi – möchte auch nicht am Scheitern der Griechenlandrettung schuld sein und heisst unverändert gut, dass die griechi-sche Notenbank den Geschäftsbanken Notfallliquidität zur Verfügung stellt. Was also gibt es am Finanzmarkt zu jubeln, dass die Kurse so in die Höhe schossen? Die grie-chische Tragödie ist keineswegs beendet. Nichts ist heute gross anders als gestern. Dass wieder einmal griechische Reformpläne viel zu spät vorgelegt wurden und sehr wahrscheinlich auch nicht in allen Belangen den Erwar-tungen entsprechen ist der aktuelle Stand. Von einem Fortschritt kann doch da kaum die Rede sein. Und von einer Wende schon gar nicht. Griechenland musste schliesslich nachbessern, um im Rennen zu bleiben und hat daher wieder ein Häppchen vorgelegt. Auch wenn die Reduktion von Frühpensionierungen und die Erhö-hung von Pensionsbeiträgen nun etwas Geld bringen und die Unternehmens-, Einkommens- und sogar Mehrwert-steuer erhöht werden sollten, ist das noch immer zu wenig, um das Land aus dem Schuldensumpf zu hieven. Vielleicht aber schon wieder zu viel, um auf einen Wachs-tumspfad zurückzufinden. 2015 bringen die heute Abend in der Eurogruppe zu diskutierenden Vorschläge etwa mehr als 2 Milliarden Euro Mehreinnahmen bzw. Min-derausgaben für Griechenland, 2016 sollen es gut vier Milliarden sein. Nur: Ende Juni sind bekanntlich 1.5 Milli-arden Rückzahlungen fällig, und am 20. Juli 3.5 Milliar-den. Die Rechnung geht folglich langfristig kaum auf.
Wendehälse
Keine Wende also im Griechenlandspiel, sondern Hoch-zeit der Wendehälse. Die Börsianer hatten plötzlich Angst vor der eigenen Courage und einem vermeintlichen Ende mit Schrecken. Sie hörten daher unvermittelt auf, Grie-chenland aus der Währungsunion zu preisen. Die Locker-heit, mit der man die Staatspleite Griechenlands herun-tergespielt hatte, wurde zunehmend von Panik abgelöst. In der europäischen Politik gilt dasselbe. Bluff an allen Fronten und leere Drohungen, weil niemand am Ende derjenige sein möchte, der den Griechen den Ausgang zeigt. Prinzip Hoffnung, bis Griechenland wieder das Geld ausgeht. Nur schon die Erleichterung der Märkte dar-über, dass nichts entschieden und wie gewohnt vertagt wurde, entlud sich in einem wahren Kursfeuerwerk. Das ist keine nachhaltige Entwicklung. Der griechische Som-mer dauert bekanntlich lang. 2015 dürfte es ein beson-ders heisser werden. Denn, egal was heute entschieden wird, wahr wird es erst dann, wenn es das griechische Parlament auch durchlässt. Eigentlich sogar erst dann, wenn Geld fliesst und zwar nicht nach Athen.
Quelle: BONDWorld.ch
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