Auch am Tag 4 nach dem Brexit-Schock verschleiert dichter Nebel den Blick auf die Folgen dieses historischen Ereignisses. Selbst im Lager der Sieger scheint es keinen Plan dafür zu geben, wann nun was genau passieren soll….
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Dr. Harald Preißler Kapitalmarktanalyse – CIO Bantleon Bank AG, Zug Chefvolkswirt und Leiter Anlagemanagement
Überrascht vom eigenen Erfolg nutzen die Protagonisten der »Leave-Kampagne« vielmehr das ausbrechende Chaos, um zentrale Wahlversprechen einzukassieren. Die Verbesserung der Finanzausstattung des maroden Gesundheitssystems könnte ebenso ins Wasser fallen wie die sofortige Aufnahme der Austrittsverhandlungen mit der EU.
Mehr noch, selbst eine zweite Abstimmung, nach Abschluss der Verhandlungen mit der EU, wird nicht ausgeschlossen. Überhaupt bestehe nach Aussage von Boris Johnson keine Eile bei der Einreichung des Scheidungsantrages. Die 27 gehörnten Mitgliedsstaaten der Rest-EU sehen das freilich anders, dort will man lieber früher als später mit den Briten in den Clinch gehen und Härte zeigen. Brüssel will den Brexit-Befürwortern vor allem schnellstmöglich deutlich machen, dass ein freier Zutritt zum EU-Binnenmarkt ohne Personenfreizügigkeit einer Quadratur des Kreises gleichkäme.
An genau diesem Punkt dürfte eine britische Verzögerungstaktik auch scheitern. Je später das Verfahren beginnt, je länger es sich hinzieht und je »schmutziger« der Trennungsprozess abläuft, umso grösser der Schaden für das Vereinigte Königreich. Im Zweifelsfall werden sich die Unternehmen bei ihren Investitionsentscheidungen für einen »sichereren« Standort in Irland oder auf dem europäischen Festland entscheiden. Der Brexit könnte so schnell zu einem Bumerang werden.
Das gilt auch für die politische Zukunft Grossbritanniens. Schottland und Nordirland erwägen ihrerseits die Trennung vom Vereinigten Königreich – das Endergebnis des Referendums könnte ein in sich gespaltenes Kleinbritannien sein.
Die spanischen Wähler haben sich am Sonntag jedenfalls nicht vom Exit-Virus anstecken lassen, der befürchtete Kantersieg von Podemos ist ausgeblieben. Leichter ist eine Regierungsbildung wegen der tiefen Gräben innerhalb des Parteienspektrums zwar nicht geworden. Die Chancen für die Bildung einer grossen Koalition sind aber gestiegen. Insofern dürfte der EU/Eurozone ein Zweifrontenkrieg mit UK und Spanien erspart bleiben.
An Volatilität wird es den Finanzmärkten in den nächsten Wochen trotzdem nicht mangeln. Allerdings bleiben wir bei unserer Einschätzung, dass der Brexit keinen Weltuntergang darstellt. Mut macht vor allem die Tatsache, dass sich die Konjunktur – weltweit und in Europa – zuletzt im Vorwärtsgang befunden hat. Ungeachtet der immensen politischen Unwägbarkeiten meldeten die Unternehmen rund um den Globus steigende Auftragseingänge, höhere Produktionsvolumina und eine anziehende Beschäftigung. Auch die Geschäftsaussichten erreichten im Juni neue zyklische Höchstmarken. Dass es in den Unternehmen mehr zu tun gibt, hängt primär mit der Belebung in China und den USA zusammen – Entwicklungen, die vom Brexit nicht ausgehebelt werden. Aber auch innerhalb Europas wirken die Auftriebskräfte der jüngeren Vergangenheit nach.
Fazit: Bei aller gebotenen Vorsicht erwarten wir eine baldige Stabilisierung der Aktienmärkte und angesichts der verbesserten Konjunkturaussichten die anschliessende Rückkehr in den vormaligen Aufwärtstrend. Deutsche Bundesanleihen werden allein wegen des QE-Effekts extrem tief bleiben.
Quelle: BondWorld.ch
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