BlackRock: Es war abzusehen. Mit Beginn der kälteren Jahreszeit steigt die Zahl der täglichen Corona Neuinfektionen in Europa wieder an – und das durchaus merklich.
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BlackRock Aktueller Blick auf die Märkte
Von Felix Herrmann, Kapitalmarktstratege bei BlackRock
Die Vorsichtsmassnahmen, die über die Sommermonate hinweg noch ausgereicht hatten, um das Virus in Schach zu halten, scheinen nun zu wenig zu sein. Und obwohl die Situation in Europa aktuell bei weitem noch nicht so dramatisch ist, wie sie es im Frühjahr war, und obwohl niemand vom Anstieg ernsthaft überrascht sein dürfte, erschweren die höheren Fallzahlen eine Fortsetzung der wirtschaftlichen Erholung ganz erheblich. Trotz des Versuchs der Politik, die in diesen Wochen erneut schwere Entscheidungen treffen muss, einen flächendeckenden Lockdown zu vermeiden, werden gezielte Massnahmen zur Eindämmung des Virus die Mobilität der Menschen einschränken. Gerade für den Dienstleistungssektor sind das keine guten Nachrichten. Zahlreiche Branchen von der Luftfahrt über den Touristiksektor bis hin zu Hotels und Gastronomie könnten zeitnah auf neue Hilfen von Seiten der Staaten angewiesen sein.
Hochfrequente Echtzeitdaten belegen bereits jetzt, dass der dynamische und nahezu V-förmige Teil der Erholung hinter uns zu liegen scheint. Die Aussichten für das letzte Quartal dieses Jahres sind entsprechend trüber.
Anleger reagierten in der vergangenen Woche mit Sorge auf die jüngsten Entwicklungen und flüchteten in Sicherheit. Die Rendite für deutsche Staatsobligation fiel auf den niedrigsten Stand seit März. Das Schreckgespenst eines zweiten Lockdowns geistert umher, und Stand heute weiss niemand, wie ernst die Lage über den Winter noch werden wird. Die gesammelten Erfahrungen mit dem Coronavirus bedeuten aber gleichzeitig, dass sich der Trade-Off zwischen Wirtschaft und Gesundheit verbessert hat, was man unter anderem an dem verbesserten Verhältnis von Neuinfektionen und Mobilitätsdaten in den letzten Wochen ablesen kann. Man kann unter dem Strich daher mit einigem Optimismus davon ausgehen, dass das in den vergangenen Monaten gesammelte Wissen der Politik und der Wissenschaft dafür sorgt, dass die wirtschaftlichen Auswirkungen der zweiten Welle bei weitem nicht das Ausmass der ersten erreichen. Das Risiko, dass die wirtschaftliche Erholung der vergangenen Monate nicht nur pausiert, sondern in Teilen sogar rückabgewickelt wird, ist dennoch real.
Immer realer wird auch ein harter Brexit. Das inszenierte Theater auf dem EU-Gipfel in der vergangenen Woche dürfte ohnehin nicht ernsthaft dafür ausgelegt gewesen sein, um tatsächlich eine Einigung herbeizuführen. Vielmehr ging es um klare politische Positionierungen für die Zeit nach der offiziellen Trennung, genauso wie ein Scheitern der Verhandlungen vor allem politische und weniger wirtschaftliche Konsequenzen haben dürfte. Die Unternehmen auf beiden Seiten des Ärmelkanals hatten mehrere Jahre Zeit, sich auf einen harten Schnitt mit den Handelspartnern auf der jeweils anderen Seite vorzubereiten. Der Brief, den die britische Regierung in diesen Tagen an rund 200.000 Unternehmen verschickt, die mit der EU Handel treiben, dürfte nur noch für wenige Firmenchefs einen Erkenntnisgewinn bringen. Der harte Brexit ist bereits in den Köpfen der Menschen, und er ist gelebte Wirklichkeit.
Was das für Anleger bedeutet?
Weniger der Brexit aber umso mehr die höheren Corona-Fallzahlen fügen sich aktuell in ein Gesamtbild an den Märkten ein, welches von Unsicherheit geprägt ist. Ungeachtet zahlreicher ermutigender Nachrichten rund um das Thema Impfstoff werden Mobilitätseinschränkungen trotz all der gesammelten Erfahrung während der Pandemie kurzfristig kaum vermeidbar sein. Wichtig für Anleger ist jedoch: Es geht hier nicht um die Frage „Lockdown ja oder nein“, sondern darum, wie die Nuancen des Mobilitätsrückgangs im Vergleich zum Frühjahr ausfallen.
Kurzfristige Unsicherheit wird in diesen Tagen vor allem von der bevorstehenden US-Wahl erzeugt. Das zweite TV-Duell zwischen Trump und Biden am kommenden Donnerstag ist für Trump womöglich eine der letzten Chancen überhaupt, um das Momentum zu seinen Gunsten zu drehen. Bidens Vorsprung in den landesweiten Umfragen ist seit dem ersten Duell um rund zwei Prozentpunkte gestiegen – gleichzeitig sind die Schwankungen bei den Umfragen überschaubar, und der Anteil der unentschiedenen Wähler ist deutlich geringer als vor vier Jahren. Sollte es Trump gelingen, den Rückstand zu seinem Herausforderer Biden zu reduzieren, könnte dies die Schwankungsintensität am Markt allerdings weiter erhöhen, da die Gefahr eines sehr engen Wahlausganges entsprechend steigt.
Was Anleger derzeit am meisten fürchten, sind Unsicherheit und Unruhen im Land im Anschluss an den 3. November. Mit einem Präsidenten Biden haben die Märkte hingegen offenbar ihren Frieden gemacht, was auch daran liegen mag, dass etwaige Steuererhöhungen, die Biden anstrebt, aus Marktsicht ausbalanciert werden durch eine verlässlichere Aussenpolitik sowie ein Mehr an Staatsausgaben – letzteres insbesondere dann, wenn die Demokraten Repräsentantenhaus und Senat gewinnen sollten.
Quelle: AdvisorWorld.ch
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