Image

BlackRock : Polka statt Slow-Fox

BlackRock: Kaum ein deutscher Spitzenpolitiker ließ es in den letzten Wochen aus, sich in höchsten Tönen lobend über den Umgang seines Wahlvolkes mit der Corona-Krise zu äußern.

Abonnieren Sie unseren kostenloser Newsletter


BlackRock Aktueller Blick auf die Märkte


Von Dr. Martin Lück, Leiter Kapitalmarktstrategie in Deutschland, der Schweiz, Österreich und Osteuropa bei BlackRock


Wobei das, was hierzulande im fragwürdigen historischen Brückenschlag zur schwersten Bewährungsprobe seit dem Zweiten Weltkrieg stilisiert wurde, aus Sicht von Spaniern, Italienern oder Franzosen eher wie Kindergeburtstag gewirkt haben muss. Milde Kontaktbeschränkungen statt von der Polizei durchgesetzter Ausgangssperren, Spiel und Sport im Park statt Singen vom Balkon und üppige Leerstände von Intensivbetten statt Stapel von Särgen auf Militärlastwagen.

Seit der unglücklichen Kommunikation seitens der Bundesregierung am 15. April aber, die vor allem wegen der schwer nachvollziehbaren 800 Quadratmeter-Grenze für Geschäfte im Gedächtnis bleibt, hat die Debatte um den Weg aus dem Lockdown drastisch an Schärfe zu genommen. Vor allem die Zahl derjenigen, die sich ganz offen Kontaktbeschränkungen und Abstandsregeln verweigern, grimmig entschlossen, sich „ihr Leben zurückzuholen“, hat ebenso zugenommen wie weinerliche Kolumnen über die vermeintliche Grenzüberschreitung eingeschränkter Freiheitsrechte. Dazu kommt die berechtigte Abwägung der notwendigen Corona-Maßnahmen einerseits und des ökonomischen und gesamtgesellschaftlichen Schadens andererseits. Im Schlagabtausch der immer härter aufeinanderprallenden Forderungen geht das zarte Pflänzchen einer toleranteren, solidarischeren Gesellschaft, das Optimisten bereits keimen sahen, schon jetzt sichtbar wieder ein.

Unter dem Strich wird deutlich, dass die Gesellschaft einen längeren Lockdown (wenn man das mit Blick auf unsere Nachbarländer überhaupt so nennen mag) kaum ertragen würde, wozu die Regierung durch das Wecken falscher Hoffnungen beigetragen hat. Bereits ab jetzt ist jede weitere Woche zu viel, die Ungeduld ist förmlich greifbar. Die für Volkswirtschaft und Märkte höchst relevante Schlussfolgerung lautet: Der Tanz mit der Kurve, also das Leben mit dem Virus in einer neuen Normalität und immer unterhalb der Kapazitätsgrenzen unserer Intensivmedizin, wird kein sanftes Dahingleiten. Die Notwendigkeit, den R-Wert deutlich unter eins und die Neuinfektionszahlen möglichst niedrig zu halten, spricht eher für das wilde Hin- und Her-Hüpfen einer masurischen Polka.

Was das für Anleger bedeutet

Wer im April nur auf die Aktienmärkte geschaut hat, wird seinen Augen nicht trauen. Der S&P 500 legte um knapp 13% zu, und das, obwohl die Jahresveränderungsrate der Unternehmensgewinne auf Zwölfmonatsbasis Ende des Monats auf -17% durchsackte. Damit waren Anleger in amerikanischen Aktien Ende April bereit, das Zwanzigfache des geschätzten Gewinnes der nächsten 12 Monate zu bezahlen – zum ersten Mal seit Mai 2002. Damals, in der Spätphase des New Economy-Kollaps, vollzog sich ein ähnliches Phänomen wie heute, die Gewinnerwartungen gaben nämlich schneller nach als die Aktienkurse. Das Ergebnis ist bekannt: Erst Anfang 2003 erreichten die Märkte ihren Tiefpunkt.

Schon richtig: Anders als 2002 steht 2020 das machtvolle Whatever-It-Takes der vereinten Notenbankelite im Raum, dazu schier schwindelerregende staatliche Stimulus-Programme. Ob aber Geld- und Fiskalpolitik wirklich in der Lage sein werden, Corona-bedingt wegfallende ökonomische

Aktivität vollständig zu ersetzen und damit den Märkten die erforderliche Brücke zu bauen, bleibt abzuwarten.

In den USA braut sich derweil in Gestalt des Präsidentschaftswahlkampfes, des Konflikts mit China und der ausufernden Staatsverschuldung ein bedrohlicher Cocktail zusammen. Einerseits braucht Präsident Trump Möglichkeiten, seine Wählerbasis mit Belegen für Unnachgiebigkeit gegenüber China zu versorgen, denn kaum etwas ist in der US-Politik so erfolgversprechend wie China-Bashing. Zuletzt erhielt dies allerdings eine besorgniserregende Qualität, indem nämlich Trump und Außenminister Pompeo China vorwarfen, mit der Vertuschung des Corona-Ausbruchs den USA immensen wirtschaftlichen Schaden zugefügt zu haben. Nimmt man die bereits jetzt hohe und infolge der Corona- Stimuli noch drastisch wachsende Auslandsverschuldung hinzu, könnte jemand wie Trump durchaus auf dumme Ideen kommen. Die Überlegung, fällige Zins- oder sogar Tilgungszahlungen auf die 1,1 Billionen US-Dollar an Treasuries, die China hält, als angebliche Kompensation der China angelasteten Corona-Schäden zu verweigern, geistert bereits durch die Kommentare. Noch ist wahrscheinlich, dass die an den Finanzmärkten zu erwartende Kernschmelze Trump vom Einsatz dieser „nuclear financial option“ abhalten dürfte. Angesichts einer kollabierenden Wirtschaft und immer düsterer werdender Wiederwahlchancen sollte man bei diesem Präsidenten aber nichts ausschließen, und sei es auch noch so absurd. Es sind halt ungewöhnliche Zeiten.

Quelle: AdvisorWorld.ch


Newsletter
Ich habe gelesen
Privacy & Cookies Policy
und ich stimme der Verarbeitung meiner persönlichen Daten für die darin genannten Zwecke zu.
ETFWorld

Newsletter investmentworld.ch

Ich habe gelesen
Privacy & Cookies Policy
und ich stimme der Verarbeitung meiner persönlichen Daten für die darin genannten Zwecke zu.