BlackRock : Die Aktienmarktrally zwischen Mitte Juli und Mitte August basierte zum erheblichen Teil auf der Erwartung, die Fed könne es mit ihren kernigen Ankündigungen gar nicht so gemeint haben und der Leitzins werde nicht so weit steigen wie zwischenzeitlich eingepreist.
Abonnieren Sie unseren kostenloser Newsletter
Von Dr. Martin Lück, Leiter Kapitalmarktstrategie in Deutschland, der Schweiz, Österreich und Osteuropa bei BlackRock
Denn nüchtern stellte Fed-Chef Jerome Powell damals klar, zwar könne man als Zentralbank wenig gegen das zu geringe Angebot an Güter- und Faktormärkten tun, man könne aber sehr wohl eine nicht zu diesem Angebot passende Nachfrage dämpfen, um das gesamtwirtschaftliche Missverhältnis zwischen Angebots- und Nachfrageseite zu beseitigen und damit die inflatorische Dynamik aus dem System herauszuzwingen. Seitdem haben Märkte ihre Preisbildung deutlich adjustiert. Dass Fed, EZB & co. eine Rezession damit ganz bewusst in Kauf nehmen, ist hinreichend klar geworden. Dennoch bleibt es eine interessante Frage, welche Zentralbank ihre Zinsen stärker anhebt als andere, bzw. welche den Fuss früher und welche später von der Bremse nimmt. Besonders der Vergleich zwischen Fed und EZB spielt mit seiner Relevanz für das Währungspaar Dollar-Euro hier eine entscheidende Rolle.
Es gibt mehrere Gründe anzunehmen, dass die EZB ihren Leitzins weniger stark anheben wird als die Fed, bzw. dass sie früher und bei einem niedrigeren Niveau von restriktiv auf neutral umschaltet. Der erste Grund liegt in der Tatsache, dass das neutrale Zinsniveau, also jenes, bei dem die gesamtwirtschaftliche Nachfrage weder stimuliert noch gebremst wird, in Europa etwas niedriger liegen dürfte als in den USA. Infolge der zurzeit an allen Fronten hohen Unsicherheit ist die Schätzung dieses neutralen Zinses extrem unsicher, wir können aber davon ausgehen, dass er in den USA zwischen einem halben und einem Prozentpunkt höher liegt. Die EZB braucht also die Zinsen um so viel weniger anzuheben, um oberhalb des neutralen Zinses restriktives Territorium und damit die gewünschte Nachfrageabkühlung zu erreichen. Zweitens könnte die Rezession in Europa tiefer ausfallen als in den USA. Der EZB bliebe dann weniger zu tun als der Fed, auch ohne harte monetäre Bremsung würde die Nachfrage sich dem verknappten Angebot anpassen. Diese Erwartung hat unter anderem damit zu tun, dass die europäische Volkswirtschaft viel stärker negativ von hohen Energiepreisen betroffen wird als die amerikanische. So liegt der Anteil der Ausgaben für Energie relativ zum BIP in Europa mit rund 12% mehr als doppelt so hoch wie in den USA. Hohe Energiepreise erodieren in Europa also stärker die Kaufkraft der Haushalte und schwächen Margen und Investitionspotenzial der Unternehmen. Sollte sich somit also die Erwartung einer dramatischeren Nachfrageabschwächung in Europa bestätigen, dann ist davon auszugehen, dass die EZB früher und vermutlich bei einem deutlich niedrigeren Leitzinsniveau auf neutral umschaltet als die Fed. Diese Umstellung dürfte aber erst erfolgen, wenn deutliche Bremsspuren in der aggregierten Nachfrage feststellbar sind und sich zumindest eine Plateaubildung bei den Inflationsraten abzeichnet. An der Erwartung, dass es bezüglich der volkswirtschaftlichen Nachrichten erst schlechter werden muss, bevor es besser wird, können wir daher festhalten.
Kwasikaze und Trussonomics: Anarchy in the UK
Nach nur wenigen Tagen im Amt hat die britische Premierministerin Liz Truss ihren Finanzminister Kwasi Kwarteng entlassen, sein Nachfolger wird der frühere Gesundheitsminister Jeremy Hunt. Die entscheidende Frage wird nun sein, ob es gelingen kann, die Turbulenz um Sterling und Gilts-Märkte zu beruhigen. Zwei Argumente stehen dem entgegen. Erstens hatte sich Hunt nach dem Rücktritt von Boris Johnson selbst um das Amt des Premierministers beworben. Liz Truss hat jetzt also ein Teammitglied in Downing Street 11 sitzen, von dem sie annehmen muss, dass er sich eigentlich für den geeigneteren Premier hält. Zweitens und vermutlich bedeutender: Solange die Regierung an der Idee festhält, sehr viel Geld für die Rezessionsbekämpfung auszugeben, aber keine überzeugenden Konzepte zu deren Finanzierung präsentiert, dürften Marktteilnehmer skeptisch bleiben. Dies gilt, wenn auch in abgeschwächter Form weiter, auch nachdem die Regierung sich von der Idee von Steuersenkungen für hohe Einkommen, dem umstrittensten Teil von Kwantengs „Mini-Budget“, verabschiedet hat. Gut möglich also, dass „Anarchy for the UK“ noch eine Weile für Bewegung an den Märkten sorgt.
Quelle: AdvisorWorld.ch
Newsletter


