Vier Fragen und Antworten an Michel Wiskirski, Fondsmanager im International Equities Team von Carmignac mit Spezialgebiet Rohstoffe, zum besseren Verständnis des Dilemmas der komplexen Energiewende und Net-Zero-Emissionen.
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Michel Wiskirski, Fondsmanager im International Equities Team von Carmignac
WOFÜR STEHT Net Zero?
Das Erreichen von Net Zero bedeutet, dass die globalen Netto-Treibhausgasemissionen gleich Null sein sollten. Mit anderen Worten: Die Menge an Kohlenstoffdioxid, die durch den Menschen in die Atmosphäre gelangt, muss wieder im Erdboden gebunden werden. Das Pariser Abkommen hat zwei Hauptziele bis 2050 festgelegt: Netto-Null-Emissionen und die Begrenzung der globalen Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius im Vergleich zur vorindustriellen Zeit. Bereits 2020 vermeldeten die Vereinten Nationen, dass die Temperatur im letzten Jahrhundert um 1 Grad Celsius gestiegen sei.
Die Internationale Energieagentur (IEA) hat eine „Roadmap to Net Zero 2050*“ veröffentlicht – es wird ein langer Weg bis zu Erreichen der Ziele des Pariser Abkommens. Die Studie veranschaulicht, dass wir unter Berücksichtigung aller Klimaverpflichtungen der Länder weltweit noch lange nicht bei null sind. Einige Länder haben sich zu Net Zero Zusagen verpflichtet, ohne klaren Weg zum Ziel.
WARUM IST ES so Schwierig, das Ziel zu erreichen?
Das gesamte Energiesystem ist sehr komplex. Es betrifft viele Akteure der ganzen globalen Wertschöpfungskette. Ausserdem muss die Energiewende alle mit einbinden, um nicht durch die Lösung eines Problems ein weiteres zu schaffen. Der IEA-Bericht hat eine Roadmap mit einigen sehr schlagzeilenträchtigen Punkten zusammengestellt, die möglicherweise zu weiteren Einschränkungen führen werden. Zum Beispiel: Keine neuen Verkäufe von Heizkesseln für fossile Brennstoffe nach 2025, keine neuen Kohleminen oder deren Erweiterung ab 2021, keine Neuwagen mit Verbrennungsmotoren ab 2035 oder keine Neuerschliesssung von Öl- und Gasfeldern.
Das klingt für den einen oder anderen nach einem leicht zu bejubelnder Sieg gegen die fossile Brennstoffindustrie – ist jedoch nur sehr schwer weltweit einheitlich umzusetzen. Erneuerbaren Energien aus Wind und Sonne verzeichneten 2020 bereits ein Rekordjahr mit einem Niveau von 220 Gigawatt (GW). Die IEA empfiehlt, den Ausbau mit 1000 GW pro Jahr bis 2030 voranzutreiben. Allerdings reicht laut Studie das Abschalten von fossilen Brennstoffen und das Zuschalten von erneuerbaren Energiequellen allein nicht aus.
Sind Neue Technologien Der Schlüssel ZU NET Zero?
Laut IEA braucht es ein systematisches Vorgehen zu Net Zero. Bestehender Prozesse müssen verbessert werden, es ist jedoch auch wichtig, in die Forschung und Entwicklung neuer Technologien zu investieren. Um das das Net Zero – hierfür sind ab 2030 neue Verfahren und Methoden unabdingbar. Etwa Energiespeicherung im Versorgungsmassstab, Wasserstoff als Energiequelle oder direkte Luftabscheidung und -speicherung. Auch Öl und Gas werden auf globalem Level bis 2050 eine grosse Rolle spielen – wenn auch eine deutlich andere als heute. Zusätzlich zu den bisher schon genehmigten, sollten keine neuen Felder hinzukommen. Prognosen zeigen das Sinken der Nachfrage bei der Ölförderung bis 2050 im Vergleich zu 2020 um 75 %. Dadurch wird die Nutzung des nicht verbrannten Teils auf die Versorgung von Teilindustrien wie der Petrochemie beschränkt, bis es eine alternative Lösung gibt. Auch die Schifffahrt ist aufgrund der Lebensdauer von Schiffen mit infrastrukturellen Herausforderungen konfrontiert. Zur Gasproduktion prognostiziert die IEA das Erreichen des Höhepunktes Mitte der 2020er-Jahre mit anschliessenden Sinken bis 2050 um etwa 55% gegenüber 2020.
Was bedeutet das für die märkte und die gesellschaft?
Würde man heute die Öl- und Gasversorgung abschalten, löste das erhebliche – bisher öffentlich ignorierte oder übersehene – soziale Probleme aus. Schätzungsweise 40 Millionen Personen sind in den Sektoren beschäftigt, und viele Teile von Schwellenländern leben und sind ausschliesslich davon abhängig.
Um Net Zero bis 2050 zu erreichen, braucht es ein Umdenken in Geschäftsbereiche, Regierungsstellen und Verbraucherverhalten. Einen Sektor einfach als schlecht oder schmutzig zu bezeichnen, wäre zu kurz gegriffen. Daher ist unser bevorzugter Ansatz, eine Übergangslösung zu finden, die langfristig zu einem besseren Ergebnis führt.
Mineralöl- und Gasunternehmen haben viel zu bieten, wenn sie anerkennen, dass sich ihr Geschäftsmodell zur Unterstützung der Energiewende weiterentwickeln muss. Anders ausgedrückt: Sie sind ein grosser Teil des Problems, aber sie müssen auch Teil der Lösung sein, um das Net Zero Ziel zu erreichen. Bereits heute befinden sich europäische Ölkonzerne in der Transformation. Manchen mag das nicht schnell genug gehen, denn sie wollen, dass sich diese Unternehmen komplett von ihrem Öl- und Gasgeschäft trennen. Die Bemühungen dieser Konzerne können jedoch einen Unterschied machen und müssen anerkannt, überwacht und durch aktives Engagement mit ihnen gefördert werden.
Quelle : AdvisorWorld
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