DWS : Wir sehen den französischen Präsidentschaftswahlen gelassen entgegen.
Stefan Kreuzkamp, Chefanlagestratege der DWS.
Seit etwa einem Monat gehen die Umfragewerte für Emmanuel Macron für die Präsidentschaftswahlen an diesem Sonntag zurück (auf rund 27 Prozent in der ersten Runde), während die von Marine Le Pen (Rechtsaußen, aktuell rund 22 Prozent) und Jean-Luc Mélenchon (Linksaußen, aktuell etwa 16 Prozent) zulegten. An den Märkten kam das nicht gut an, plötzlich machen sich Anleger wieder ernsthafte Sorgen über französische Politik, insbesondere über Le Pen.
Dazu einige Punkte, die unserer Meinung nach dafür sprechen, die Wahl zumindest vorerst mit einer gewissen Gelassenheit anzugehen:
1. Die Umfragen zeigen lediglich, dass Macron wieder in etwa dort steht, wo sich seine Werte für den Großteil der vergangenen beiden Jahre bewegt haben. Den Auftrieb durch den Amtsbonus, von dem er in den vergangenen Wochen aufgrund der Kriegs- und Krisenzeiten profitieren konnte, hat er nun teilweise wieder abgegeben. Seine Werte liegen damit also wieder auf dem Niveau von Anfang Februar, wobei man Abweichungen von wenigen Prozentpunkten ohnehin nicht überinterpretieren sollte.
2. Französische Präsidentschaftswahlen sind aufgrund ihres Modus (zwei Wahlgänge, zweiter Gang Stichwahl) umfragetechnisch nicht ganz leicht zu fassen, besonders wenn es um Stichwahlkombinationen geht, die vor der ersten Runde als unwahrscheinlich galten. Die Umfragewerte der verschiedenen Institute sind zudem von unterschiedlicher Qualität; auch die besseren sind schwankungsanfällig.
3. Dennoch sehen wir als eine Konstante, dass Le Pen in den Umfragen für die Stichwahl bisher nie die Mehrheit erzielte, was sich mit den Erfahrungen von anderen Wahlgängen sowohl auf nationaler als auch regionaler Ebene deckt. Kandidaten des Rassemblement National (RN) tun sich traditionell sehr schwer, direkte Stichwahlen gegen mitte-rechts oder mitte-links Kandidaten selbst in freundlichem Terrain für sich zu entscheiden.
4. Was die wirtschaftspolitischen Auswirkungen betrifft, dürfte der heutige RN viel von dem Schockpotenzial verloren haben, das früher vom Front National ausging (der etwa für den Austritt aus dem Euro warb).
5. Selbst wenn Le Pen das Rennen machen sollte, hängt ihre Gestaltungsmacht stark von den im Juni stattfindenden Parlamentswahlen ab. An einem starken Abschneiden des RN würden wir zweifeln, ebenso wie an der nötigen Personalstärke des RN, um die wichtigsten Institutionen umgehend mit eigenen Leuten besetzen zu können.
6. Als höheres Risiko, vor allem im Sinne der Vorhersehbarkeit, würden wir den Einzug in die Stichwahl von Jean-Luc Mélenchon werten. Für diese Kombination scheinen die bisherigen Umfragen für die Stichwahl wenig aussagekräftig.
Zusammenfassend gehen wir derzeit nicht davon aus, dass die Präsidentschaftswahl Ergebnisse hervorbringen wird, die die Märkte nachhaltig beeindrucken würden.
Allerdings könnte die Wahl Rückschlüsse darauf geben, inwieweit der Ukraine-Krieg und insbesondere die Inflation zu einem wichtigen Thema europäischer Wahlen dieses Jahr werden könnten. Eine besonders interessante Testwahl diesbezüglich werden die Parlamentswahlen in Slowenien am 24. April sein.
Quelle: AdvisorWorld.ch
Newsletter




