Übertreibung nach unten: Inflationsängste führen zu irrationalem Marktverhalten. Die operative Performance der Unternehmen wird gegenwärtig ausser Acht gelassen.
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Marcel Oldenkott, Geschäftsführer bei BIT Capital
- Anhand bewährter Berechnungsmodelle oder Input-Faktoren des Marktes ist der Preisverfall vieler Technologieunternehmen nicht zu erklären
- Notenbanken in schwieriger Lage: Weitere Leitzinserhöhungen werden nur bedingte Wirksamkeit bei der Inflationseinschränkung erzielen, können jedoch eine Rezession herbeiführen
Die US-Inflationsrate kletterte im Mai auf 8,6 Prozent und damit auf den höchsten Stand seit mehr als 40 Jahren. Steigende Preise bereiten immer mehr Menschen und Managern, vor allem aber den Zentralbanken grosses Kopfzerbrechen. Die FED führte jüngst die stärkste Anhebung des Leitzinses seit 1994 um 75 Basispunkte auf die Spanne von nun 1,50 bis 1,75 Prozent durch. Es war bereits die dritte Anhebung in diesem Jahr. Auch die EZB avisiert für Juli mit einer Anhebung von 0,25 Prozentpunkten die erste Zinserhöhung in der Eurozone seit elf Jahren.
Gleichzeitig hob die US-Notenbank die Inflationsprognose und senkte wiederum ihre Wachstumsprognose. Die Börsen weltweit zeigten daraufhin deutliche Reaktionen: „Der Markt wurde entlang aller Indizes, sowohl im Technologie-Sektor als auch im S&P 500 in seiner gesamten Breite abverkauft“, erklärt BIT Capital Gründer und Chief Investment Officer Jan Beckers.
Marcel Oldenkott, Geschäftsführer bei BIT Capital, sieht die FED in einer schwierigen Lage: “Eine Erhöhung des Leitzinses entfaltet in der gegebenen Lage nicht unmittelbar Wirkung. Vor allem kann sie nicht die Teuerungsrate spezifischer Güter, wie Öl, punktgenau adressieren.” Auch wenn Leitzinserhöhungen für die üblichen Ursachen der Inflation ein probates Mittel seien, ist es unwahrscheinlich, dass sie aktuell die erwünschte Wirkung entfalten.
Denn die derzeitige Inflation sei vordergründig nicht nachfrageinduziert zu begründen, sondern vor allem auf exogene Schocks, wie den Ukraine-Krieg und die Lieferkettenunterbrechung in Asien zurückzuführen. “Wenn sich Input-Kosten für Unternehmen durch exogene Schocks erhöhen, ist ein Eingriff durch Zinsen nur bedingt wirksam”, erklärt Marcel Oldenkott. Demnach könne beispielsweise kaum eine Auswirkung auf die hohen Energiepreise erwartet werden. Anders sieht es bei Vermögenswerten aus. Die Entwicklung von Aktien oder Immobilienwerten wird gedämpft oder Rückgängig gemacht. Tech-Werte und andere “Long-Duration-Assets” wie Immobilien leiden in diesem Umfeld überproportional. “Viele der Gewinne von Technologieunternehmen entstehen erst in der Zukunft und müssen nun folgend mit einem höheren Faktor abgezinst werden. Zuletzt reagierte der Markt mit einem deutlichen Abverkauf solcher Titel, ungeachtet dessen, dass Technologieunternehmen erhöhte Kosten häufig auch an Kunden weitergegeben können”, erklärt Fondsmanager Jan Beckers. Anhand von bewährten Berechnungsmodellen oder den Input-Faktoren des Marktes sei der Preisverfall vieler Tech-Unternehmen nicht rational zu erklären. “Wir kommen aus einer Phase in der Asset-Preise außerordentlich hoch waren, insofern macht eine Korrektur durchaus Sinn. Doch was wir hier sehen ist schlicht irrational und auf Unsicherheit und Angst zurückzuführen”, so Jan Beckers.
Als digitaler Asset Manager behalte BIT Capital seinen mittel- bis langfristigen Fokus. Werte der Old Economy, die zwar kurzfristig attraktiv erscheinen, jedoch nicht zum Mandat eines zukunftsorientierten Technologiefonds gehören und kein dynamisches Wachstum hätten, kämen dabei nicht in Frage. Auch eine grössere Cashposition führe schlicht zu einer negativen Realrendite. “Bei BIT Capital legen wir in dieser Phase einen verstärkten Fokus auf die operative Performance und Profitabilität der Unternehmen. Wir konzentrieren uns also auf eine enge Auswahl, die sich auf einem erkennbaren Path to Profitability befindet. So werden 9 unserer 10 grössten Positionen im Portfolio im zweiten Quartal 2022 profitabel sein und das bei einem durchschnittlichen jährlichen Umsatzwachstum von über 40 %. Dennoch verlieren auch solche Unternehmen aktuell einen Grossteil ihrer Marktkapitalisierung.”, so Marcel Oldenkott.
Die Folge sind zum Teil seit Jahren ungesehen niedrige Multiples. So sei das Kurs-Gewinn-Verhältnis einiger Unternehmen im Portfolio unter drei gefallen. “Wir finden viele attraktive Technologieunternehmen mit aussergewöhnlich lukrativen Bewertungen”, sagt Marcel Oldenkott. Auch der Nasdaq Internet Index handelt derzeit unterhalb seines pre-COVID-Levels und nahe den Werten von 2017. Der Markt preist damit den Fortschritt durch Digitalisierung der letzten fünf Jahre vollständig aus.
Der Experte ergänzt: “Gegenwärtig ist die Unterscheidung in der operativen Performance innerhalb dieses irrationalen Abverkaufs noch nicht sichtbar und es ist nicht abzusehen, wann genau die Märkte wieder anhand von fundamentalen Kriterien bepreisen. Aber man wird diese Unterscheidung in den Returns der Unternehmen über einen längeren Horizont deutlich erkennen.” Womöglich werde dies der Fall sein, wenn über Monate eine stabile oder leicht sinkende Inflation zu erkennen ist und vor allem der Markt daran glaubt, dass die Zentralbanken die Situation unter Kontrolle bekommen. So resultiere die Angst am Markt nicht vorrangig aus steigenden Zinsen, sondern bestehe vielmehr vor dem Schreckgespenst einer außer Kontrolle geratenen Inflation.
Source: BondWorld.ch
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