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Wermuth AM : Es gibt genug Arbeitskräfte

Wermuth AM : Seit Jahren hören wir immer wieder, dass nicht nur die deutsche, sondern auch die europäische Bevölkerung ständig altert und, wenn es so weitergeht, demnächst von der Bildfläche verschwindet.

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Von Dieter Wermuth, Economist und Partner bei Wermuth Asset Management


Ein Land und ein Kontinent gehen in Rente und schaffen sich ab. Ist das so? Es gibt den Berufsstand der Arbeitsmarktforscher, mit einer starken Konzentration im Raum Nürnberg, der Probleme darin sieht, dass die Babyboomer demnächst aus dem Arbeitsleben scheiden und ihre berufliche Erfahrung damit für immer verloren ist, oder dass es nicht genug Azubis, Metzger, Altenpfleger, Heizungsinstallateure, Programmierer und, generell, Fachkräfte aller Art gibt.

Als Ökonom kann ich nur staunen. Leben wir nicht in einer Marktwirtschaft? Und zeichnet die sich nicht dadurch aus, dass sie Mangellagen immer wieder ohne Mühe und innerhalb kürzester Zeit beseitigt? Wenn nur die Anreizsysteme stimmen. Sie kann die Leute zwar kaum dazu bringen, mehr Kinder in die Welt zu setzen, klar, aber leidet die Welt nicht eher darunter, dass sie übervölkert ist? Gerade wurde mit einigem Trara berichtet, dass es nunmehr 8 Milliarden Erdenbürger gibt. Vor hundert Jahren waren es noch 1,9 Milliarden.

Es gibt genügend Menschen, die gerne zu uns kommen und arbeiten würden. Es kann doch nicht so schwer sein, das auf vernünftige Weise zu organisieren, also etwa so, dass nicht alle aus derselben Ecke der Welt kommen. Auch bei der Einwanderung muss diversifiziert werden. Und warum immer nur „Fachkräfte“ mit verifizierbaren Zeugnissen? Arbeitskräfte sind das, was das Land braucht. Nur auf Hochqualifizierte zu setzen kommt mir außerdem sehr unfair vor, weil dadurch der Standard des Humankapitals in den in der Regel armen Auswandererländern gesenkt wird, was nicht zuletzt allen Intentionen der Entwicklungspolitik widerspricht.

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Trotz aller Kassandrarufe ist die Anzahl der Beschäftigten zumindest in Deutschland in den letzten Jahren immer nur gestiegen, von 39 Millionen zur Jahrtausendwende auf zurzeit 45,5 Millionen. Hauptgründe waren die Zunahme der Erwerbstätigkeit von Frauen und die Einwanderung von Flüchtlingen. Im großen Ganzen ist die Integration der Ausländer gut gelungen, fremdenfeindliche Aktionen sind selten und die rechtsextreme AfD hat bei der letzten Wahl zum Bundestag Stimmen und Sitze verloren.

Immerhin hat inzwischen ein Umdenken begonnen. Nach dem neuen Konsens in Politik, Wissenschaft und Medien sollte die jährliche Nettoeinwanderung von nun an etwa 400.000 betragen – das würde die Beschäftigung auf dem jetzigen hohen Niveau halten und die Finanzierung der Renten erleichtern. Weil das weniger als 0,5% der Gesamtbevölkerung ist, dürfte es für die Sozialsysteme keine Probleme geben, zumal kaum ein Ausländer nach Europa kommt, um es sich hier in den sozialen Hängematten bequem zu machen. Diese Sichtweise ist nichts als populistische Propaganda. Die meisten Einwanderer sind jung und wollen es zu etwas bringen.

Wer sich dennoch nicht mit so vielen Einwanderern anfreunden mag, muss dafür sorgen, dass das Wachstum der Produktivität endlich wieder Fahrt aufnimmt, wenn ihm oder ihr daran gelegen ist, mehr zu verdienen und im Alter eine anständige Rente zu bekommen. Das ist der Königsweg. Von Jahrzehnt zu Jahrzehnt haben sich in ganz Europa, aber auch in den USA, in Japan und China die Wachstumsraten der Produktivität vermindert und tendieren in den OECD-Ländern inzwischen überall gegen Null. Interessanterweise gibt es in dieser Hinsicht seit einiger Zeit kaum mehr einen nennenswerten Unterschied zwischen den Ländern, selbst das vielbelächelte Großbritannien schneidet kaum schlechter ab als Deutschland oder Euroland insgesamt.

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Fragt sich, was sich machen lässt. Der wichtigste Ansatzpunkt ist die forcierte und andauernde Qualifikation der Arbeitnehmer, ein gutes Schulwesen und die Förderung des Wettbewerbs, im Inland und über die Grenzen hinweg, das Ganze abgesichert durch ein belastbares Sozialsystem und als fair empfundene Steuern. Steuersenkungen sind nach neueren Studien nicht das Mittel der Wahl für ein dynamischeres Wachstum der Stundenproduktivität.

Es hat sich vielmehr gezeigt, dass eine gleichmäßigere Verteilung von Vermögen und Einkommen sowie eine Strategie, die auf Chancengleichheit für alle Bevölkerungsgruppen zielt, die zuverlässigsten Methoden für mehr Wachstum sind. Ein Beleg dafür ist die Beobachtung, dass die Produktivität in den sogenannten trente glorieuses, den 30 Nachkriegsjahren vor dem Sieg des Neo-Liberalismus, als egalitäre politische Ideen die Oberhand hatten, besonders kräftig zugenommen hatte, ein anderer die unbestreitbare Tatsache, dass in den sozial am weitesten entwickelten Nachbarstaaten Deutschlands – und in Deutschland selbst – das absolute Niveau der Produktivität im internationalen Vergleich am höchsten ist. Einzige Ausnahme in den Top Ten der produktivsten Volkswirtschaften der OECD sind die USA.

Mit anderen Worten: gute Sozialpolitik ist gute Wachstumspolitik. Wer hätte das gedacht?

Quelle: BondWorld


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