{"id":12575,"date":"2022-10-04T12:08:10","date_gmt":"2022-10-04T10:08:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.investmentworld.eu\/ch\/?p=12575"},"modified":"2022-10-04T12:09:15","modified_gmt":"2022-10-04T10:09:15","slug":"wermuth-am-deutschlands-schockierende-inflationszahlen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.investmentworld.eu\/ch\/wermuth-am-deutschlands-schockierende-inflationszahlen\/","title":{"rendered":"Wermuth AM : Deutschlands schockierende Inflationszahlen"},"content":{"rendered":"<div style=\"text-align: justify;\">Wermuth AM : Es ist noch nicht einmal drei Jahre her, da galt Deflation als eines der gr\u00f6\u00dften wirtschaftspolitischen Probleme.<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"\/newsletter\">Abonnieren Sie unseren kostenloser Newsletter<\/a><\/strong><\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Von Dieter Wermuth, Economist und Partner bei Wermuth Asset Management<\/strong><\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Warum?<\/strong> Wenn das Preisniveau sinkt, steigt die reale Schuldenlast von Verbrauchern, Unternehmen und Staat \u2013 sie verschulden sich daher weniger und geben weniger aus. Morgen wird ja alles billiger sein. F\u00fcr die Konjunktur ist das nicht unbedingt t\u00f6dlich, aber doch von Nachteil. Der Tendenz nach ist ein bisschen Inflation w\u00fcnschenswert. Daher haben die meisten Notenbanken in den reichen L\u00e4ndern ein Inflationsziel von 2%.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zuletzt haben sich die Dinge unerwarteterweise und h\u00f6chst dramatisch ver\u00e4ndert, durch das Ende der Covid-Pandemie und, noch wichtiger, durch den russischen \u00dcberfall auf die Ukraine. Nun ist auf einmal eine zu hohe Inflation das wirtschaftspolitische Problem Nummer 1. Im August lagen die deutschen gewerblichen Erzeugerpreise um 45% \u00fcber ihrem Vorjahresstand, die Verbraucherpreise im September um 10,0%, der h\u00f6chste Wert seit 1951. Das sind schockierende Zahlen f\u00fcr ein Land, das so viel Wert auf die Stabilit\u00e4t seiner W\u00e4hrung legt. Normalerweise sind Erzeugerpreise verl\u00e4ssliche Fr\u00fchindikatoren f\u00fcr die Verbraucherpreise \u2013 das hei\u00dft leider, dass diese f\u00fcr einige Zeit sehr hoch bleiben werden. Von einer Lohn-Preisspirale ist gl\u00fccklicherweise noch nichts zu sehen: Die Tarifpartner k\u00f6nnen offenbar nicht glauben, was da zurzeit an der Preisfront passiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht nur die Energiepreise haben die deutsche Inflation angeheizt, der schwache Euro ist ein anderer wichtiger Grund. Trotz solider Fundamentalfaktoren (einem leichten \u00dcberschuss in der Leistungsbilanz des Euroraums, verglichen mit einem sehr gro\u00dfen amerikanischen Defizit, sowie relativ niedrige Staatsschulden \u2013 97% des BIP, in Amerika 126%) leidet der Euro unter Verkaufsdruck und hat im Verlauf des Jahres gegen\u00fcber dem Dollar nicht weniger als 14% verloren. Kein Wunder, dass die Einfuhrpreise explodieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Geopolitische Aspekte dominieren an den Devisenm\u00e4rkten, und da insbesondere die russische Invasion der Ukraine und die Folgen f\u00fcr die internationalen Beziehungen \u2013 ein happy end ist nicht in Sicht. Der Dollar gilt, solange Europa auf die milit\u00e4rische Hilfe der USA angewiesen ist, als sicherer Hafen f\u00fcr Anleger, selbst wenn amerikanische Bonds und Aktien vergleichsweise teuer sind.<br \/>\nEin anderer Faktor, der bisher gegen den Euro gesprochen hatte, waren die Zinsdifferenzen zwischen den USA und dem Euroraum. Die Fed hatte die Leitzinsen fr\u00fcher und energischer angezogen als die EZB. Zinsdifferenzen sind oft irrelevant f\u00fcr den Wechselkurs (Stichwort Schweiz), diesmal aber nicht. Auf absehbare Zeit d\u00fcrfte das amerikanische Zinsniveau, von kurzen bis zu langen Fristen, um etwa 150 Basispunkte \u00fcber dem europ\u00e4ischen liegen und auf diese Weise den Dollar stark halten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"https:\/\/www.investmentworld.eu\/ch\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/04-10-22-1-Wermuth-AM.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-12576 aligncenter\" src=\"https:\/\/www.investmentworld.eu\/ch\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/04-10-22-1-Wermuth-AM.png\" alt=\"04-10-22 1 Wermuth AM\" width=\"586\" height=\"326\" srcset=\"https:\/\/www.investmentworld.eu\/ch\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/04-10-22-1-Wermuth-AM.png 586w, https:\/\/www.investmentworld.eu\/ch\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/04-10-22-1-Wermuth-AM-300x167.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 586px) 100vw, 586px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn sich diese Vorhersagen als richtig erweisen, lohnt es sich Schulden zu machen \u2013 vor allem f\u00fcr die \u00f6ffentliche Hand, weil deren Schuldzinsen weit unter den erwartbaren Inflationsraten und damit den Steuereinnahmen liegen. Das gilt aber auch f\u00fcr Haushalte und f\u00fcr Unternehmen. Die Inflation vermindert auch deren reale Schuldenlast. Das ist die eine, positive Seite der hohen Inflation. Die Kehrseite darf nicht vergessen werden: Das Preisniveau steigt zurzeit rascher als die Einkommen. Das gilt vor allem f\u00fcr die Haushalte, deren Realeinkommen und Lebensstandard gerade rapide sinken, und die dadurch zunehmend risikoavers werden. Unter\u2019m Strich wird der private Verbrauch sinken, also die gr\u00f6\u00dfte Ausgabenkomponente in den volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen, und auf diese Weise die gesamte Wirtschaft in den negativen Bereich ziehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die f\u00fchrenden Wirtschaftsforschungsinstitute haben soeben ihre kurz- und mittelfristigen Prognosen vorgestellt. F\u00fcr das Jahr 2023 erwarten sie nun f\u00fcr das reale BIP im Vorjahresvergleich einen R\u00fcckgang um 0,4%. Im Fr\u00fchjahr hatten sie noch eine positive Zuwachsrate von 3,1% erwartet. Das ist die gr\u00f6\u00dfte mir bekannte Revision der Vorhersagen (minus 3,5 Prozentpunkte) innerhalb von nur sechs Monaten. Die wichtigsten Annahmen der neuen Prognose betreffen die Energiepreise: Die Gaspreise steigen zwischen 2021 und 2023 um 320%, die Strompreise um 390%.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Retrospektive bestand der gr\u00f6\u00dfte wirtschaftspolitische Fehler darin, den Ausbau der erneuerbaren Energien nicht energisch genug vorangetrieben zu haben: Die Atomkraftwerke wurden bis auf drei abgeschaltet, ohne zu bedenken, dass das Land dadurch auf Energieimporte aus Russland angewiesen war. Die fallen nun gerade aus, wodurch es zu dem aktuellen Inflationsschub gekommen ist. Die kommenden Monate werden nicht leicht sein, aber es wird zu keiner Katastrophe kommen, es sei denn der Winter wird nach langer Zeit wieder einmal extrem kalt. Die Gastanks sind zu 90% gef\u00fcllt, Haushalte und Unternehmen werden angesichts der hohen Preise ihren Verbrauch von Strom und Gas drosseln, teilweise auch auf Substitute ausweichen, LNG-Importe werden nach den Pl\u00e4nen der Regierung stark zunehmen, und die drei verbliebenen Atomkraftwerke werden erst mal nicht vom Netz genommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"https:\/\/www.investmentworld.eu\/ch\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/04-10-22-2-Wermuth-AM.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-12577 aligncenter\" src=\"https:\/\/www.investmentworld.eu\/ch\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/04-10-22-2-Wermuth-AM.png\" alt=\"04-10-22 2 Wermuth AM\" width=\"541\" height=\"325\" srcset=\"https:\/\/www.investmentworld.eu\/ch\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/04-10-22-2-Wermuth-AM.png 541w, https:\/\/www.investmentworld.eu\/ch\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/04-10-22-2-Wermuth-AM-300x180.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 541px) 100vw, 541px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber was passiert, wenn die Wintertemperaturen doch deutlich unter ihre Normalwerte sinken und das Gas aus Russland weiterhin ausbleibt? Nach den Modellen der Wirtschaftsforschungsinstitute wird das reale BIP in diesem Fall im n\u00e4chsten Jahr um rund 8% gegen\u00fcber 2022 zur\u00fcckgehen. Das w\u00e4re der gr\u00f6\u00dfte Einbruch seit der Depression von Ende der zwanziger \/ Anfang der drei\u00dfiger Jahre, die wesentlich zum Aufstieg von Hitler und seiner Nationalsozialisten beigetragen hatte. Allerdings ist der deutsche Staat diesmal finanziell in einer viel besseren Ausgangsposition: Die Staatsschulden liegen bei verkraftbaren 68,6% des BIP, und die Renditen der 10-j\u00e4hrigen Bundesanleihen betragen nur 2,1%. Dar\u00fcber hinaus h\u00e4lt Deutschland die zweitgr\u00f6\u00dften Nettoauslandsaktiva ($2,8 Billionen), nach Japan. Mit anderen Worten, es fehlt nicht an Mitteln, mit denen sich die Nachfrage stimulieren l\u00e4sst. Massenarbeitslosigkeit kann \u2013 und wird \u2013 vermieden werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr Anleger ist das Bild im Augenblick klarer als sonst. Die Rezession hat begonnen, in Deutschland und in den anderen 18 L\u00e4ndern des Euroraums. Die Gewinne geraten daher unter Druck. Infolge der extrem hohen aktuellen Inflationsraten steigen die Inflationserwartungen und mit ihnen die Zinsen am kurzen und langen Ende der Renditekurve. K\u00fcnftige Gewinne und Cashflows werden mit steigenden Zinsen auf die Gegenwart abdiskontiert. Daher wird es sowohl auf den Aktienm\u00e4rkten als auch bei Bonds zu weiteren Kursverlusten kommen. Die Wende ist noch nicht in Sicht. Was den Euro-Wechselkurs angeht, erwarte ich nicht, dass sich die Zinsdifferenz zu Dollaranlagen vergr\u00f6\u00dfern wird, weil die EZB die Leitzinsen vermutlich st\u00e4rker erh\u00f6hen wird als die Fed. Der Euro bleibt aber vorerst dem Risiko ausgesetzt, dass sich der Krieg in der Ukraine intensiviert, mit der Folge, dass der Dollar einmal mehr zur Fluchtw\u00e4hrung wird, also aufwertet.<\/p>\n<div class=\"title is-4 is-\" style=\"text-align: justify;\">\n<div class=\"title is-0 \">\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 12pt;\">Quelle: BondWorld<\/span><\/p>\n<article class=\"article\"><\/article>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wermuth AM : Es ist noch nicht einmal drei Jahre her, da galt Deflation als eines der gr\u00f6\u00dften wirtschaftspolitischen Probleme.<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":10340,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"telegram_tosend":false,"telegram_tosend_message":"","telegram_tosend_target":0,"footnotes":"","_wpscp_schedule_draft_date":"","_wpscp_schedule_republish_date":"","_wpscppro_advance_schedule":false,"_wpscppro_advance_schedule_date":"","_wpscppro_dont_share_socialmedia":false,"_wpscppro_custom_social_share_image":0,"_facebook_share_type":"","_twitter_share_type":"","_linkedin_share_type":"","_pinterest_share_type":"","_linkedin_share_type_page":"","_instagram_share_type":"","_medium_share_type":"","_threads_share_type":"","_google_business_share_type":"","_selected_social_profile":[],"_wpsp_enable_custom_social_template":false,"_wpsp_social_scheduling":{"enabled":false,"datetime":null,"platforms":[],"status":"template_only","dateOption":"today","timeOption":"now","customDays":"","customHours":"","customDate":"","customTime":"","schedulingType":"absolute"},"_wpsp_active_default_template":true},"categories":[128],"tags":[214,213],"class_list":["post-12575","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-makroanalyse","tag-wermuth-am","tag-wermuth-asset-management"],"blocksy_meta":{"styles_descriptor":{"styles":{"desktop":"","tablet":"","mobile":""},"google_fonts":[],"version":6}},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.investmentworld.eu\/ch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12575","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.investmentworld.eu\/ch\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.investmentworld.eu\/ch\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.investmentworld.eu\/ch\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.investmentworld.eu\/ch\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12575"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.investmentworld.eu\/ch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12575\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":12580,"href":"https:\/\/www.investmentworld.eu\/ch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12575\/revisions\/12580"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.investmentworld.eu\/ch\/wp-json\/wp\/v2\/media\/10340"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.investmentworld.eu\/ch\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12575"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.investmentworld.eu\/ch\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12575"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.investmentworld.eu\/ch\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12575"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}