{"id":16147,"date":"2023-09-05T15:52:37","date_gmt":"2023-09-05T13:52:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.investmentworld.eu\/ch\/?p=16147"},"modified":"2023-09-06T11:52:59","modified_gmt":"2023-09-06T09:52:59","slug":"flossbach-von-storch-eine-fuer-alles","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.investmentworld.eu\/ch\/flossbach-von-storch-eine-fuer-alles\/","title":{"rendered":"Flossbach von Storch : Eine f\u00fcr alle(s)"},"content":{"rendered":"<h5 style=\"text-align: justify;\"><strong>Flossbach von Storch<\/strong> : Die Europ\u00e4ische Zentralbank ist mehr als \u00abnur\u00bb eine Notenbank; nie zuvor war das deutlicher als heute, im 25. Jahr nach ihrer Gr\u00fcndung. Ist das eher Fluch oder Segen?<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"\/newsletter\">Abonnieren Sie unseren kostenloser Newsletter<\/a><\/strong><\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Von <b>Philipp Vorndran, Kapitalmarktstratege, Flossbach von Storch<\/b><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Christine Lagarde ist eine erfahrene Politikerin.<\/strong> Die Franz\u00f6sin war unter anderem Ministerin f\u00fcr Landwirtschaft und Fischerei sowie f\u00fcr Wirtschaft und Finanzen ihres Landes. Und sie war Chefin des Internationalen W\u00e4hrungsfonds (IWF). Seit November 2019 steht sie der Europ\u00e4ischen Zentralbank (EZB) als Pr\u00e4sidentin vor; einer Institution, die eigentlich gar nicht politisch sein darf, sondern g\u00e4nzlich unabh\u00e4ngig zu sein hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zumindest in der Theorie. Ihre wichtigste Aufgabe: den Geldwert der Gemeinschaftsw\u00e4hrung langfristig stabil zu halten. Die Praxis ist jedoch eine andere: Die EZB ist, entgegen allen Beteuerungen von Politikern und Notenbankern, eben doch eine politische Institution, eine sehr politische sogar \u2013 weil sie gar nicht anders kann.<\/p>\n<p><strong>Theorie und Praxis<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weil der Euro vor allem ein politisches Projekt ist, ein sehr gut gemeintes zwar, aber ein nicht sonderlich gut gemachtes. Wir haben des \u00d6fteren an dieser Stelle \u00fcber die Konstruktionsfehler der Gemeinschaftsw\u00e4hrung geschrieben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass eine gemeinsame W\u00e4hrung zwingend eine gemeinsame Wirtschafts- und Finanzpolitik vorausgesetzt h\u00e4tte. Europa also zun\u00e4chst weiter h\u00e4tte zusammenwachsen m\u00fcssen, ehe man eine gemeinsame W\u00e4hrung implementiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Wir sind keine renitenten Eurogegner, ganz im Gegenteil: Wir sind \u00fcberzeugte Europ\u00e4er! Wer eine gemeinsame W\u00e4hrung will, eine langfristig stabile gemeinsame W\u00e4hrung, der braucht deutlich mehr Europa als das, was wir heute haben. Der muss \u2013 nach vorne schauend \u2013 deutlich mehr tun f\u00fcr Europa als das, was getan wird.<\/p>\n<p><strong>Die EZB f\u00fcllt das Vakuum<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Vakuum, das die Politik hinterl\u00e4sst, f\u00fcllt gezwungenermassen die EZB. Nie ist das deutlicher geworden als w\u00e4hrend der Finanz- und Schuldenkrise 2011\/12 und in den Jahren danach. Es war Mario Draghi, der fr\u00fchere EZB-Chef und Vorg\u00e4nger Christine Lagardes, der im Sommer 2012 mit seiner (heute) legend\u00e4ren \u00abWhat ever it takes\u00bb-Rede die Finanzwelt beruhigte. Man werde den Euro retten, sagte Draghi auf dem H\u00f6hepunkt der Krise w\u00e4hrend eines Vortrages in London. \u00abKoste es, was es wolle\u00bb &#8230;<br \/>\nDraghi, der Notenbankchef, vermochte mit nur wenigen, scheinbar beil\u00e4ufig dahergesagten S\u00e4tzen, was keinem Regierungschef zuvor in unz\u00e4hligen n\u00e4chtlichen Krisensitzungen gelungen war: Er hatte der Eurokrise etwas entgegenzusetzen!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Versprechen, das in der Folge unterlegt wurde mit gewaltigen Notenbankhilfen, etwa in Form von Anleihek\u00e4ufen, die mit einer massiven Ausweitung der Notenbankbilanz einhergingen. Die Risikopr\u00e4mien von Anleihen der hoch verschuldeten Eurostaaten sanken \u2013 das Vertrauen in den Euro kehrte allm\u00e4hlich wieder zur\u00fcck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch wenn Draghi sich in seiner Amtszeit allerlei Kritik gefallen lassen musste \u2013 er hat damals die W\u00e4hrungsgemeinschaft gerettet, weil er tat, was in der damaligen Situation notwendig war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Problem an der Geschichte: Draghis Rettungsversprechen wurde in der Folge nur allzu gerne als Vollkaskoversicherung missverstanden. Von Investoren, Konsumenten, nicht zuletzt von Politikern. Wenn in jeder Krise, nehmen wir die Corona-Pandemie als Beispiel, am Ende ohnehin die Notenbank parat steht, um zu retten, indem sie billiges Geld unter die Leute bringt, nimmt das die Last der eigenen Verantwortung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gravierender noch, es ver\u00e4ndert m\u00f6glicherweise das eigene Verhalten. Frei nach dem Motto: Was kostet die Welt? Der Mensch ist bequem, er gew\u00f6hnt sich an Geschenke \u2013 sehr schnell sogar (die Entw\u00f6hnung dagegen f\u00e4llt ihm umso schwerer!). Der rasante Anstieg der (Staats-) Schulden innerhalb der Eurozone ist ein Beleg daf\u00fcr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Draghis Appelle an die Regierungschefs der Eurozone, die anf\u00e4nglichen Hilfen der EZB doch tunlichst als zeitlich begrenzt zu verstehen und die gekaufte Zeit zu nutzen, um Reformen zu verabschieden und so die Eurozone wetterfest zu machen, verpufften \u2013 immer wieder. Mit Reformen lassen sich nun mal keine Wahlen gewinnen &#8230;<\/p>\n<p><strong>Die Pandemie als Wendepunkt<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus der Europ\u00e4ischen Zentralbank ist so ein Versicherungsverein geworden und aus Mario Draghi, dem (Noten-)Banker, ein Politiker. Schattenkanzler der Eurozone wurde er w\u00e4hrend seiner Amtszeit in verschiedenen Medien genannt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das traf es sehr gut, wie ich finde. Passenderweise wechselte Draghi kurze Zeit, nachdem er seinen Dienst bei der EZB quittiert hatte, in die Spitzenpolitik. Am 11. Februar 2021 wurde er als italienischer Premierminister vereidigt. Sein wichtigstes Projekt sollte der Covid-19-Wiederaufbaufonds sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vermutlich hatte Christine Lagarde mit der \u00dcbernahme der Amtsgesch\u00e4fte 2019 gehofft, Draghis Rettungspolitik einfach so fortf\u00fchren zu k\u00f6nnen. Schulden bezahlbar und so die Eurozone zusammenzuhalten. Weiterhin Politikerin sein zu d\u00fcrfen, auch wenn die EZB und deren Vertreter und Vertreterinnen eigentlich gar nicht politisch sein d\u00fcrfen. Zu Beginn der Pandemie sah alles danach aus, als w\u00fcrde es genau so kommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Heute wissen wir, dass Corona und der schreckliche Krieg Russlands in der Ukraine sowie all deren Auswirkungen, etwa der Bruch globaler Lieferketten, in Kombination mit der jahrelang ultralockeren EZB-Geldpolitik wie ein Brandbeschleuniger f\u00fcr die Inflationsentwicklung gewirkt haben. Die Preise sind so schnell und so stark geklettert wie seit Jahrzehnten nicht mehr!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die EZB ist seither wieder als H\u00fcterin der Geldwertstabilit\u00e4t gefragt, weniger als grossz\u00fcgige Kreditgeberin. Und Lagarde, die Politikerin, muss wieder mehr Notenbankerin sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lange Zeit hatten sie und ihre \u00d6konomen bei der EZB darauf gepocht, dass die Inflation nur transitorisch sei, also vor\u00fcbergehend. Weil nicht sein konnte, was nicht sein durfte. Weil dauerhaft deutlich h\u00f6here Inflationsraten (und h\u00f6here Zinsen) zu einem echten Problem f\u00fcr die Eurozone und den Euro werden k\u00f6nnten. Also hoffte man, der Spuk sei schnell vor\u00fcber. War er aber nicht.<\/p>\n<p><strong>Wie viel Schaden darf sein?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lagarde und die EZB mussten gegenhalten, die Zinsen anheben, um die Inflation in den Griff zu bekommen. Das taten sie, wenn auch zun\u00e4chst z\u00f6gerlich. Mittlerweile hat die EZB den Leitzins auf 4,25 Prozent gehievt \u2013 und damit so hoch wie zuletzt vor dem Ausbruch der Finanzkrise 2008. Lagarde hat zudem weitere Anhebungen in Aussicht gestellt. Ob das reichen wird? Wir werden sehen. Die Inflation ist zwar leicht zur\u00fcckgefallen, liegt aber immer noch deutlich \u00fcber dem Zwei-Prozent-Inflationsziel der EZB.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Frage, die sich deshalb viele stellen: Wie weit wird Lagarde gehen k\u00f6nnen im Kampf gegen die Inflation? Was, wenn es eben nicht reichen wird? Weil die Sch\u00e4den der rigiden Zinspolitik zu gross werden \u2013 einige Staaten Probleme bekommen mit der Refinanzierung ihrer aufget\u00fcrmten Schuldenberge. Oder Unternehmen. Oder Millionen von \u00abH\u00e4uslebauern\u00bb in der Eurozone.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das Problem der EZB:<\/strong> Die Eurozone ist, anders als die USA es beispielsweise sind, kein homogener W\u00e4hrungsraum. Das heisst, die EZB muss eine Geldpolitik betreiben, die den Erfordernissen vieler, mithin sehr unterschiedlicher Volkswirtschaften Rechnung tr\u00e4gt. Den starken genauso wie den weniger starken. Die EZB ist eine f\u00fcr alle \u2013 und auch eine f\u00fcr alles. Denn sie muss nicht allein die Geldwertstabilit\u00e4t im Blick haben, sondern eben auch die Stabilit\u00e4t des gesamten Eurosystems.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Irgendwann, m\u00f6glicherweise in nicht allzu ferner Zukunft, wird sich Lagarde entscheiden m\u00fcssen, was wichtiger ist: der Kampf gegen die Inflation oder das \u00dcberleben des Euro. Ich w\u00fcrde davon ausgehen, dass diese Frage l\u00e4ngst beantwortet ist. Was immer es auch koste &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Quelle: BondWorld.ch<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Flossbach von Storch : Die Europ\u00e4ische Zentralbank ist mehr als \u00abnur\u00bb eine Notenbank; nie zuvor war das deutlicher als heute, im 25. Jahr nach ihrer Gr\u00fcndung. 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